Der Dauerlotse

Untiefen #8 – Wenn du dich für die Stimmung aller anderen zuständig fühlst

Der Dauerlotse

Es gibt Menschen, die merken beim Betreten eines Raumes innerhalb von drei Sekunden, wer schlecht gelaunt ist. Nicht ungefähr — genau. Sie erkennen es an der Art, wie jemand die Tasse abstellt.

Das ist eine echte Fähigkeit. Das Problem beginnt an der Stelle, wo aus dem Erkennen automatisch eine Zuständigkeit wird.

Die Untiefe

Der Dauerlotse ist der Mensch, der das Schiff nie verlässt. Er steht immer auf der Brücke, immer im Blick auf die Stimmung aller anderen, immer bereit, den Kurs zu korrigieren, bevor jemand auf Grund läuft. Er sagt Sätze wie: „Ich wollte nur, dass es allen gut geht." Und er meint es genau so.

Was er nicht bemerkt: Er hat sich selbst eine Aufgabe gegeben, die niemand ihm übertragen hat — und die er unmöglich erfüllen kann. Die Stimmung anderer Menschen gehört nicht ihm. Sie ist nicht sein Steuer.

Trotzdem steht er da. Jahrelang. Und wundert sich, warum er müde ist.

Woran du es erkennst

  • Du überlegst, bevor du etwas sagst, wie die andere Person sich danach fühlen wird — und zwar nicht aus Höflichkeit, sondern weil du sonst Angst vor dem Ergebnis hast.
  • Wenn jemand in deiner Nähe schweigt, gehst du davon aus, dass es mit dir zu tun hat.
  • Du entschuldigst dich für Dinge, die nicht in deiner Reichweite lagen: das Wetter, den Stau, die schlechte Laune eines Dritten.
  • Nach Begegnungen mit mehreren Menschen bist du erschöpft, ohne sagen zu können, wovon.
  • Du kennst die Bedürfnisse deiner Umgebung besser als deine eigenen — und hältst das für eine Tugend.

Woher das kommt

Meistens nicht aus einem Charakterzug, sondern aus einer Erfahrung. Wer früh gelernt hat, dass die Stimmung eines wichtigen Menschen unberechenbar war und Folgen hatte, entwickelt ein sehr feines Messgerät. Das Messgerät war damals nützlich. Es war vielleicht sogar überlebenswichtig.

Nur: Ein Messgerät, das nie abgeschaltet wird, misst irgendwann auch dort, wo nichts zu messen ist. Und es verwechselt „Ich nehme wahr, dass es dir schlecht geht" mit „Ich muss das in Ordnung bringen".

Das ist der Kurzschluss. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt ein ganzes Leben.

Was die Untiefe kostet

Der Dauerlotse zahlt dreifach. Erstens: Er ist permanent im Alarmzustand, auch bei Menschen, die überhaupt keine Gefahr darstellen. Zweitens: Er wird selbst unsichtbar — wer immer auf andere schaut, wird selten gefragt, wie es ihm geht, weil er nie so aussieht, als bräuchte er es. Drittens, und das ist das Bittere: Seine Fürsorge verliert an Wert. Wenn jemand immer alles auffängt, bedeutet es nichts mehr, wenn er es tut.

Und die Menschen um ihn herum lernen etwas Ungutes dazu: dass ihre Stimmung ein Werkzeug ist. Nicht böswillig — sondern einfach, weil sie funktioniert.

Die Korrektur

Der Ausweg ist nicht Kälte. Empathie abzuschalten wäre ein Verlust, und es würde ohnehin nicht funktionieren. Der Ausweg ist eine Trennlinie.

Die Frage lautet: Ist das meines?

Nicht: Merke ich es? (Ja, natürlich.) Nicht: Tut es mir leid? (Ja, natürlich.) Sondern: Liegt die Ursache in meiner Reichweite, und hat mich jemand um etwas gebeten?

Wenn beides nein ist, darfst du die Wahrnehmung haben, ohne die Aufgabe anzunehmen. Das ist kein Egoismus. Das ist eine korrekte Zuordnung.

Drei Sätze zum Üben

  • „Ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Sag mir, wenn ich etwas tun kann." — Das benennt die Wahrnehmung und gibt die Verantwortung für die Bitte zurück. Ein einziger Satz, und die Brücke gehört wieder dem, der sie betreten muss.
  • „Das tut mir leid für dich." — Nicht: „Das tut mir leid." Der Unterschied ist zwei Wörter breit und trennt Mitgefühl von Schuldübernahme.
  • Schweigen aushalten, drei Atemzüge lang. Nicht füllen. Nicht aufhellen. Nur da sein. Du wirst feststellen: Meistens passiert nichts Schlimmes. Und manchmal sagt die andere Person von selbst, was los ist.

Das eigentliche Ziel

Ein Lotse geht irgendwann von Bord. Genau das macht ihn zum Lotsen und nicht zum Kapitän. Er bringt das Schiff durch die schwierige Stelle — und dann übergibt er.

Wenn du gerade merkst, dass du seit Jahren auf einer fremden Brücke stehst: Du darfst runter. Das Schiff sinkt nicht. Es fährt weiter, ohne dich — und das ist keine Kränkung, sondern der Beweis, dass es nie deines war.

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