Der Wald, der schon da war
1983 wechselte ein australischer Agronom in Niger einen Reifen — und sah etwas, an dem alle jahrelang vorbeigearbeitet hatten. Vierzig Jahre später stehen 200 Millionen Bäume. Eine Reportage über die vermutlich größte ökologische Wende Afrikas.
Im Jahr 1983 stand ein junger australischer Agronom an einer Schotterpiste im Süden Nigers und wechselte einen Reifen. Tony Rinaudo war seit Monaten dabei, Bäume zu pflanzen — und seit Monaten dabei zuzusehen, wie sie eingingen. Der Boden war zu trocken, der Wind zu hart, die Setzlinge zu schwach. Er hielt sich für gescheitert.
Dann sah er, halb im Sand, einen Busch. Kein Busch. Ein Baumstumpf, aus dem grüne Triebe schossen. Er sah sich um. Sie standen überall. Tausende davon, über die ganze Fläche verteilt, jedes Jahr niedergemäht, weil die Bauern sie für Unkraut hielten.
Unter den Feldern Nigers lag ein Wald. Er war nie verschwunden. Er wurde nur jedes Jahr abgeschnitten.
Was daraus wurde
Die Methode, die daraus entstand, heißt Farmer Managed Natural Regeneration — von Bauern gesteuerte natürliche Regeneration. Sie besteht im Kern aus einer Entscheidung: nicht mähen. Genauer gesagt, aus wenigen Handgriffen — die kräftigsten Triebe eines Stumpfes stehen lassen, die schwachen entfernen, den Rest wachsen lassen. Es gibt keine Setzlinge zu kaufen, keine Bewässerung zu bauen, keine Maschine zu warten. Die Kosten liegen bei etwa 20 Dollar pro Hektar.
Chris Reij, Bodenexperte am World Resources Institute, hat Jahre damit verbracht, das Ergebnis zu vermessen. Seine Zahlen für die Regionen Maradi und Zinder: rund 200 Millionen Bäume auf etwa fünf Millionen Hektar, entstanden über gut zwei Jahrzehnte. Etwa 2,5 Millionen Menschen leben von diesem Land. Reij nennt es die wahrscheinlich größte positive Umweltveränderung des Sahel — vielleicht ganz Afrikas.
Es gab kein Programm, das das befohlen hat. Es gab keine internationale Kampagne mit Logo. Die Methode verbreitete sich, weil ein Bauer bei seinem Nachbarn sah, dass es funktionierte.
Warum das die Reihenfolge umdreht
Der übliche Ablauf, wenn eine Landschaft kaputt ist, lautet: Geld sammeln, Projekt aufsetzen, Setzlinge liefern, pflanzen, Foto machen, abreisen. Ein paar Jahre später steht meist wenig. In Niger lief es andersherum. Das Kapital war bereits vorhanden — es steckte im Boden, in Wurzelsystemen, die Jahrzehnte überdauert hatten. Was fehlte, war nicht Material. Was fehlte, war die Wahrnehmung, dass da etwas ist.
Das ist der Teil, der über Niger hinausreicht. Rinaudo hat nichts erfunden. Er hat etwas gesehen, das seit Jahren im Blickfeld aller lag und als wertlos einsortiert war. Die Arbeit bestand danach vor allem darin, andere zum selben Hinsehen zu bringen — und das dauerte Jahre, mit Widerstand, Rückschlägen und Bauern, die ihn für verrückt hielten.
Mindestens 25 Länder, überwiegend in Afrika, arbeiten inzwischen mit der Methode. Rinaudo erhielt 2018 den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis.
Was hier nicht behauptet wird
Niger ist nach wie vor eines der ärmsten Länder der Welt. Die Sicherheitslage ist schwierig, die Bevölkerung wächst schnell, der Druck auf das Land bleibt enorm. Bäume lösen das nicht. Die Erfolgszahlen stammen aus Fernerkundung und Feldstudien und werden in der Fachliteratur diskutiert, nicht als abgeschlossene Wahrheit gehandelt.
Was der Fall zeigt, ist bescheidener und trotzdem nicht klein: Eine sehr große Veränderung kann von sehr vielen sehr kleinen Entscheidungen getragen werden, ohne Zentrale, ohne Budget in Milliardenhöhe — wenn die Entscheidung erstens billig ist, zweitens schnell sichtbaren Nutzen bringt und drittens von Nachbar zu Nachbar weitergegeben werden kann.
Das sind keine schlechten Kriterien, um eine eigene Idee zu prüfen.
Die Frage, die bleibt
Rinaudos Geschichte hat einen Moment, der sich nicht wegorganisieren lässt: Er hätte den Stumpf auch nicht bemerken können. Er hat monatelang an ihm vorbeigearbeitet. Die Wende kam an einem Tag, an dem er nichts vorhatte außer einen Reifen zu wechseln.
Es ist selten die Anstrengung, die den Blick öffnet. Öfter ist es die Pause darin.
Wo, an deiner eigenen Baustelle, arbeitest du gerade daran, etwas Neues zu pflanzen — während das, was schon da ist und funktioniert, jedes Jahr weggeschnitten wird, weil es niemand als Ressource einsortiert hat?
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