Die letzten zehn
1986 erkrankten jährlich 3,5 Millionen Menschen am Guineawurm. 2025 waren es zehn. Was diese Zahl über die Art von Erfolg verrät, die in keinen Nachrichtenzyklus passt.
Es gibt Erfolgsmeldungen, die niemand meldet, weil sie zu langsam sind. Der Guineawurm ist die langsamste von allen — und eine der größten.
Als das Carter Center 1986 die Leitung des globalen Ausrottungsprogramms übernahm, erkrankten nach Schätzungen jährlich 3,5 Millionen Menschen in 21 Ländern Afrikas und Asiens. Für 2024 meldete das Programm 15 menschliche Fälle. Für 2025 waren es nach vorläufigen Zahlen zehn — vier in Tschad, vier in Äthiopien, zwei im Südsudan. Der niedrigste Stand, den es je gab.
Von 3,5 Millionen auf zehn. In 39 Jahren.
Was das Besondere daran ist
Es gibt keinen Impfstoff gegen den Guineawurm. Es gibt kein Medikament, das ihn heilt. Die Krankheit entsteht, wenn Menschen Wasser trinken, in dem winzige Krebstiere die Larven des Parasiten tragen. Etwa ein Jahr später bricht der ausgewachsene Wurm — bis zu einem Meter lang — durch die Haut, meist am Bein, über Wochen, unter erheblichen Schmerzen.
Die Bekämpfung besteht deshalb ausschließlich aus dem, was man am wenigsten „Medizin" nennen würde:
- Wasser durch ein Stofffilter gießen, bevor man es trinkt
- Betroffene davon abhalten, das befallene Bein in offenes Wasser zu halten — damit sich der Kreislauf nicht schließt
- Teiche mit einem Larvizid behandeln
- Fälle melden, jeden einzelnen, und nachverfolgen
Das ist alles. Filter, Aufklärung, Meldung, Geduld. Millionen Hausbesuche, Dorf für Dorf, über vier Jahrzehnte. Nach Angaben des Carter Center wurden dadurch mehr als 100 Millionen Erkrankungen verhindert.
Die Zahl, die das Tempo erklärt
Der Rückgang von 3,5 Millionen auf einige Tausend gelang in etwa zwei Jahrzehnten. Der Weg von einigen Hundert auf zehn hat noch einmal fast genauso lange gedauert. Das ist das typische Muster: Die letzten Fälle sind ungleich teurer als die ersten Millionen.
Dazu kommt eine Komplikation, die niemand vorhergesehen hatte. Der Parasit hat gelernt, in Hunden zu überleben — im Tschad wurden zeitweise über tausend infizierte Hunde pro Jahr gefunden, weit mehr als Menschen. Das Programm musste sich neu erfinden: Hunde anleinen, Fischreste vergraben, Belohnungen für Meldungen zahlen. Ein Erfolg, der beinahe an einem übersehenen Wirt gescheitert wäre.
Wenn es gelingt, wäre der Guineawurm die zweite menschliche Krankheit der Geschichte, die vollständig ausgerottet wurde — nach den Pocken. Und die erste, die ohne Impfstoff verschwindet.
Wer die Arbeit gemacht hat
Die Zahl gehört nicht dem Carter Center allein. Getragen wurde das Programm von Zehntausenden Freiwilligen in den betroffenen Dörfern — Menschen ohne medizinische Ausbildung, die lernten, einen Fall zu erkennen, ihn zu melden und die Betroffenen vom Wasser fernzuhalten. Ohne sie hätte keine Organisation die Fälle je gefunden. Die entscheidende Infrastruktur dieses Erfolgs bestand nicht aus Laboren, sondern aus Nachbarn, die wussten, worauf zu achten war.
Das Programm hat außerdem etwas getan, was selten vorkommt: Es hat sein eigenes Ende von Anfang an als Ziel definiert. Es gibt keinen Plan, wie es weitergeht — es gibt nur einen Plan, wie es aufhört.
Wofür die Zahl taugt
Sie taugt nicht als Beweis, dass alles gut wird. Sie taugt als Beleg dafür, dass eine bestimmte Art von Erfolg existiert, die in keinen Nachrichtenzyklus passt: nicht dramatisch, nicht durch einen Durchbruch, nicht in einem Jahr. Sondern durch eine unspektakuläre Handlung, millionenfach wiederholt, über eine Zeitspanne, in der drei Generationen von Mitarbeitern in Rente gegangen sind.
Wer nur auf Durchbrüche wartet, sieht diese Form von Fortschritt nie. Sie hat keinen Moment, den man fotografieren kann.
Das ist auch der Grund, warum sie so leicht zu unterschätzen ist — bei Weltproblemen wie im eigenen Leben. Die Dinge, die tatsächlich etwas verändern, sehen im Einzelfall meist lächerlich klein aus. Ein Stofffilter über einem Wasserkrug ist keine Erfindung, über die jemand einen Artikel schreibt. Hundert Millionen verhinderte Erkrankungen schon.
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