Die Welt im Jahr 2035 — wenn die Kurve hält

Im April 2026 lieferten Wind und Sonne weltweit erstmals mehr Strom als Gas. Kein Wunder, keine Erfindung — nur eine Kurve, die weiterlief. Ein Zukunftsbild, das nichts braucht außer Fortsetzung.

Die Welt im Jahr 2035 — wenn die Kurve hält

Die meisten Zukunftsbilder, die uns angeboten werden, sind Warnungen. Sie zeigen, was passiert, wenn nichts geschieht. Das ist nützlich — aber es ist nur die halbe Rechnung. Die andere Hälfte lautet: Was passiert eigentlich, wenn das, was gerade jetzt schon geschieht, einfach weitergeht?

Diese Frage ist weniger romantisch, als sie klingt. Sie braucht keine Erfindung, keinen Durchbruch, keinen Weltgipfel. Sie braucht nur eine Kurve und ein Lineal. Und weil das so unspektakulär ist, kommt die Antwort selten in den Nachrichten vor.

Drei Zahlen aus dem letzten Jahr

Fangen wir mit dem an, was messbar ist — nicht mit dem, was man sich wünscht.

  • Im Jahr 2025 haben die erneuerbaren Energien weltweit zum ersten Mal seit hundert Jahren die Kohle überholt: 33,8 Prozent des globalen Strommixes gegenüber 33,0 Prozent. Der Vorsprung ist hauchdünn. Aber die Richtung ist eindeutig.
  • Solarstrom wuchs 2025 um 636 Terawattstunden auf 2.778 — ein Plus von 30 Prozent. Solar verdoppelt sich damit ungefähr alle drei Jahre. 2022 waren es noch 1.333 Terawattstunden.
  • Wind und Sonne zusammen deckten 99 Prozent des gesamten weltweiten Zuwachses beim Stromverbrauch. Der zusätzliche Hunger der Welt wurde also praktisch vollständig ohne zusätzliche fossile Verbrennung gestillt.

Und im April 2026 kam ein Datum dazu, das kaum jemand bemerkt hat: Wind und Solar lieferten in diesem Monat weltweit 531 Terawattstunden, Gaskraftwerke 477. Zum ersten Mal überhaupt lag der Wind vor dem Gas.

Warum die Batterie die eigentliche Geschichte ist

Der häufigste Einwand gegen Sonnenstrom ist so alt wie berechtigt: Nachts scheint sie nicht. Genau hier hat sich in den letzten zwei Jahren etwas verschoben, das leiser passiert ist als der Solarausbau — und wichtiger sein könnte.

2025 kamen weltweit rund 108 Gigawatt neue Batteriespeicher hinzu, etwa 40 Prozent mehr als im Jahr davor. Zum Vergleich: Der bisherige Rekord für den Zubau von Gaskraftwerken in einem einzigen Jahr lag bei rund 107 Gigawatt — aufgestellt im Jahr 2002. Die Speicher haben den Spitzenwert der fossilen Ära in ihrem besten Jahr eingeholt.

Dazu kommt der Preis. Batteriekosten fielen 2024 um rund ein Fünftel, 2025 noch einmal deutlich stärker. Was gestern eine teure Ausnahme war, ist heute die günstigste Variante — nicht aus Idealismus, sondern aus Buchhaltung.

Das Zukunftsbild — und seine ehrliche Grenze

Jetzt der Teil, bei dem man vorsichtig sein muss. Wenn man die Verdopplung alle drei Jahre einfach fortschreibt, landet Solar 2028 bei rund 5.500 Terawattstunden, 2031 bei 11.000 und 2034 bei 22.000. Das wären zwei Drittel des heutigen Weltstromverbrauchs — nur aus Sonne.

Solche Rechnungen stimmen nie. Exponentielles Wachstum läuft irgendwann in Grenzen: Netze, Fachkräfte, Rohstoffe, Genehmigungen, Flächen. Wer das ignoriert, produziert Euphorie statt Orientierung.

Aber genau deshalb lohnt die umgekehrte Frage: Was bleibt übrig, wenn man das Tempo halbiert? Selbst dann — Verdopplung alle sechs statt alle drei Jahre — steht 2035 eine Welt da, in der Sonne und Wind die größte Stromquelle des Planeten sind, in der Kohle wirtschaftlich zur Nische geworden ist und in der Strom in vielen Regionen mittags fast nichts mehr kostet. Das ist keine Vision. Das ist die pessimistische Variante der laufenden Entwicklung.

Was das mit dir zu tun hat

Die eigentliche Nachricht ist nicht technisch. Sie ist psychologisch.

Wir sind es gewohnt, uns Fortschritt als Kampf vorzustellen: gegen Widerstände, gegen Interessen, gegen die Zeit. Manchmal stimmt das. Aber der Solarausbau der letzten drei Jahre ist nicht durch einen heroischen Sieg entstanden, sondern durch Millionen unspektakulärer Einzelentscheidungen — eine Fabrik hier, ein Dach dort, eine Ausschreibung, eine Kalkulation, die aufging.

Das ist die Bauweise fast aller großen Veränderungen: Sie sehen im Rückblick zwingend aus und im Moment ihres Entstehens unbedeutend. Wer mitten in einer solchen Kurve steht, spürt sie nicht. Er sieht nur seinen eigenen kleinen Beitrag und hält ihn für zu klein.

Wenn du also das nächste Mal das Gefühl hast, es bewege sich nichts: Es könnte sein, dass du einfach zu nah dran stehst. Kurven erkennt man erst aus Entfernung — und wir sind alle mitten drin.

Datengrundlage: Ember Global Electricity Review 2026 und Berichte der Internationalen Energieagentur zu Solarzubau und Batteriespeichern 2025. Die Zubauzahlen der beiden Quellen weichen leicht voneinander ab (605 bzw. 647 Gigawatt neue Photovoltaik in 2025) — an der Größenordnung ändert das nichts.

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